Sinn oder Unsinn eines „Fixie“ (Fixed Gear) und „SingleSpeed“ Rads, warum und wozu tut man sich das an?

Fast jeder hat schon von Fixies gehört, doch was versteht man eigentlich darunter und welchen Zweck haben diese Fahrräder?

Der Begriff „Fixie“ impliziert es schon, der Antrieb ist starr, fest, direkt, ohne Gangschaltung, es gibt nur eine feste Übersetzung, die gewöhnlich eher lang ausgelegt ist. Betrachtet man rein diesen Aspekt, spricht man auf neudeutsch von einem „SingleSpeed“ Rad, da man nur eine feste Übersetzung benutzt.

Fix wird es, wenn der Freilauf an der Hinterrad Nabe fehlt, denn dann sind die Pedale fest mit dem Hinterrad verbunden, sie drehen also immer mit, auch wenn nicht getreten wird. Früher war das nicht anders möglich, denn anfangs waren die Pedale mit der Achse fest verbunden, so bedeutete eine Kurbelumdrehung auch zwingend eine Radumdrehung, daher waren die Räder auch groß, denken wir nur an die Hochräder…

Etwa um das Jahr 1880 herum wurde das sogenannte Sicherheitsniederrad, also das Fahrrad, so wie wir es heute kennen. Es war noch ein 1-Gang / SingleSpeed Rad, aber die Übersetzung war nun gegeben, durch den Kettenantrieb über unterschiedlich große Zahnräder mittels einer Kette, ergab sich die Übersetzung. Kurz vor der Jahrhundertwende, um 1898, wurde dann der Freilauf erfunden, mittels dessen nun auch eine Rücktrittbremse möglich wurde, etwas später kam dann auch noch die Gangschaltung hinzu.

Viel wurde inzwischen entwickelt, wir kennen heute diverse Naben-, Ketten- und Getriebeschaltungen, sowie auch verschiedene Bremsen, man nennt es Fortschritt.

Der Fortschritt kam, doch warum dann heute die Rückbesinnung auf die puristischen Anfänge des Radsports?

Pragmatische Gründe spielen hier meiner Meinung nach eher eine untergeordnete Rolle, Fixies kokettieren mit Emotionen und Design. Vielleicht haben wir von den technischen Details moderner Räder genug, möchten zurück zur Schlichtheit der Anfänge, die Reduktion auf das Minimum.

Fixies werden heute im Bahnradsport gefahren, hier sind aus Sicherheitsgründen andere Räder nicht zugelassen, während die Fixies auf der Straße nicht zugelassen sind, zumindest wenn man die StVZO eng auslegt. Die StVZO verlangt zwei unabhängige Bremsen. Ein „echtes“ Fixie hat keinerlei Bremse, wie auch die Bahnräder nicht, man „bremst“ sie einzig über die Pedale. Ich kann mir das nicht vorstellen, würde mich damit nicht sicher fühlen, auch auf den Bahn nicht, aber vielleicht fehlt mir auch einfach nur die Fahrerfahrung damit. Eine Bremse am Rad ist für mich die Mindestanforderung, an einem Tretroller fahre ich auch nur eine Vorderradbremse, damit kann man gut auskommen, sofern man nicht „auf letzter Rille fährt“.

Mein Fixie ist ebenfalls mit einer Vorderrad Felgenbremse ausgestattet, ich möchte nicht darauf verzichten, es wäre für mich unvorstellbar, mein Rad ohne eine echte Bremse zu fahren. Auf der Bahn würde ich es sicher einmal versuchen, aber ohne Mitstreiter, nur alleine Runden drehen, alles andere wäre mir zu gefährlich. Auf der Straße ist eine Bremse sehr viel wichtiger, so appelliere ich an alle Fixie Fahrer, wenigstens eine Bremse am Rad zu haben. Es klingt verrückt, rein optisch stört die Bremse das sonst so puristische Bild, aber die Sicherheit geht vor!

Ich finde es nicht gut, wenn Werbevideos die Räder ohne Bremsen zeigen, als Beispiel sei hier die Firma Schindelhauer Bikes mit dem Viktor angeführt. Die Räder werden mit dem urbanen Leben verknüpft und dynamisch gezeigt, sie werden als Lifestyle angepriesen. Vielleicht sind sie es auch, aber in dieser kompromisslosen Form sind die Räder vor allem eins, gefährlich, sowohl für den Nutzer selbst, wie auch für Passanten und andere Verkehrsteilnehmer.

Warum tut man sich das an, warum sind Fixies so beliebt?

Objektiv kann man das nicht beschreiben, zumal auch nicht alle Fixies teure neue moderne Räder sind, eher im Gegenteil, viele Klassiker werden zum Fixie umgebaut, beispielsweise alte Stahlrahmen Rennräder, hier sehe ich eher die Wurzeln des urbanen Fixies. Man sagt auch, die Fixies wurden durch Fahrradkuriere populär, die damit durch die Städte sausen und ein zuverlässiges wartungsarmes schnelles Rad benötigen. Ich kenne keine Radkuriere, so kann ich das nicht nachvollziehen, aber abwägig klingt das nicht.

Wäre ich einer, würde ich vielleicht auf eine stufenlose Nuvinci Nabe, oder eine Rohloff Nabe setzen, Scheibenbremsen und eine gekapselte Kette oder besser einen Riemenantrieb. Vielleicht auch ein Rad mit einem Pinion Schaltgetriebe, ein Fixie würde ich wohl eher nicht wählen.

Die letzten Jahre in meinem Radsport waren sehr Liegerad lastig, aber auch meine Begeisterung für Falträder habe ich nie verloren,  neben einigen Kettenschaltungen, kam ich über eine 3-Gang und 7-Gang Nabe nun wieder zur 3-Gang Nabe, sie genügt vollkommen. Manchmal denke ich auch darüber nach, mein Faltrad zum SingleSpeed zu machen, also auf die Schaltung zu verzichten, was auch das Gewicht wesentlich reduzieren würde.

Mountainbikes waren nie so wirklich meine Welt, auch wenn ich seit einigen Jahren wieder eins habe, ich fahre es aber nur wenig. Was beim MTB zweifellos faszinierend ist, die sehr kurzen Gänge, es klettert die Berge rauf. Ich fahre lieber auf Asphalt und so kam es dann auch vor Jahren zu meinem Interesse für Rennräder, deren filigrane Eleganz ich schätze, insbesondere bei den italienischen Rädern, gerne auch mit Stahlrahmen und vor allem Campagnolo Komponenten.

Irgendwann entdeckte ich die Schindelhauer Räder, u.a. wegen der dort verbauten Riemenantriebe und dem Verzicht auf eine Federung. Früher bevorzugte ich vollgefederte Räder, damals bei Riese und Müller, einem Darmstädter Unternehmen für hochwertige Räder.

An sich benötige ich keine Federung mehr, so ist auch mein MTB bewusst ein Hardtail. Die puristische Anmutung brachte mich zum Fixie. Ich habe Entfaltungen verglichen, also die Übersetzungen, um eine Vorstellung zu bekommen, wie sich das Rad fahren könnte.

Einige Räder liegen diesbezüglich etwa auf dem Niveau des 3. Gangs meines Bromptons, in Zahlen gefasst, etwa 5,6 m je Kurbelumdrehung. Das ist viel, wirklich viel. Vorbereitend fuhr ich manche meiner Räder fest mit einem vergleichbaren Gang, was mir recht beschwerlich erschien.

Etwa 5,8m Entfaltung hat mein Rad, dies entspricht bei einer Trittfrequenz von 80 Pedalumdrehungen je Minute einer Geschwindigkeit von rund 28km/h. Damit wird klar, ein Fixie kann man nur flott fahren. Dennoch,  etwas ist anders, ein Fixie lässt sich nicht mit einem geschalteten Rad auf einem vergleichbaren Gang vergleichen, ein Fixie ist sehr viel direkter, agiler, spurtstärker. Man kann sich das vorher nicht vorstellen, doch ich versichere, es ist so.

Das Fixie fährt sich schwerer an, im Idealfall fährt man nicht bergauf an. Ich gehe hier gerne mal in den Wiegetritt, wenige Kurbelumdrehungen bis ich Tempo habe, dann sitze ich wieder. In der Ebene liegt das Wohlfühltempo bei 25-30km/h, steigt die Strecke auch nur leicht an, steigt der Kraftbedarf. Zu langsam kurbeln beansprucht die Beinmuskulatur zu stark, wird der Tritt zu schwer, soll man rechtzeitig in den Wiegetritt wechseln, bevor man Tempo verliert.

Ich zögerte lange, ein Fixie in meinen Fuhrpark aufzunehmen, konnte mir nicht vorstellen, damit in meiner Gegend leicht hügelig über das Land zu radeln. Der bisherige Kompromiss war ein DualSpeed Rad, also ein einfaches Rad mit einer 2-Gang Automatix SRAM Nabe. Mit diesem bin ich auch flott unterwegs, fahre es fast nur im großen Gang, denn der kleine ist mir zu langsam, er reicht nur bis etwa 18km/h, dann schaltet die Nabe automatisch hoch.

Nach dieser Eingewöhnung wurde mir schnell klar, ein Gang könnte auch genügen, so fand ich dann in dem Schindelhauer Viktor ein wunderschönes puristisches Rad und ich bin sehr zufrieden damit. Zum Rad gehören zwei Felgenbremsen, sofern man es nicht anders wünscht, wird die hintere Bremse gewöhnlich nicht seitens des Herstellers montiert, damit die Befestigungsöse am Rahmen nicht verschrammt.

Rechtlich ist das etwas strittig, inzwischen liegen aber einige Urteile vor, die den starren Antrieb als Bremse akzeptieren und so sehe ich das auch, selbstverständlich in Ergänzung zur vorderen Bremse. Umsicht und Erfahrung ist dennoch gefragt, der öffentlich Verkehr ist keine Rennpiste. Ich bewege mich fast ausschließlich außerhalb des öffentlichen Verkehrs, radele auf asphaltierten Feldwegen, die teilweise auch als Radweg dienen.

Anfangs war der starre Antrieb für mich sehr gewöhnungsbedürftig, also der fehlende Freilauf, denn damit drehen die Pedale immer mit, ich kann mit dem Tritt ´demnach nicht aussetzen, rollend gleiten.  Was dabei aber noch viel kritischer ist, nimmt man einmal vor Schreck die Füße von den Pedalen, bekommt man sie kaum wieder drauf, ohne die Geschwindigkeit deutlich zu reduzieren, zu Gunsten niedrigerer Pedalrotation. Mir ist das anfangs gelegentlich passiert, schon deshalb erklärt sich, warum ist für mindestens eine unabhängige Bremse am Fixie plädiere, denn mittels dieser kann man nun noch bremsen. Inzwischen beherrsche ich das, verzögere auch über die Pedale, oft auch einzig darüber, wenn ich nur leicht das Tempo vor einer Kurve reduziere.

Ein Fixie ist Training für die Beine, sie bekommen keine Ruhe, treten immer mit und entgegen der vorwärts gerichteten Tretbewegung, kann man sie auch mit Gegendruck trainieren, wenn man also mit ihnen „bremst“. Richtige Könner bremsen auf diese Weise gar mit blockiertem Hinterrad, ich schaffe das nicht, möchte es auch nicht trainieren, da viel zu gefährlich, mir genügt eine „normale“ Verzögerung, was durch kraftvollen Gegendruck auf die Pedale recht gut geht.

Eine Probefahrt mit einem Fixie abseits des fließenden Verkehrs erscheint mit empfehlenswert, sie wird eine interessante Erfahrung sein. Ich hatte vor dem Kauf keine Probefahrt und habe die anfängliche Unsicherheit schnell überwunden, würde ich es wollen, könnte ich den Freilauf ganz einfach durch die Drehung des Hinterrads bekommen, über die Flip-Flop-Nabe, die auf der anderen Seite einen Freilauf hat.

Dreht man das Hinterrad um, zur Nutzung des Freilaufs, sollte auch hinten eine unabhängige Bremse montiert werden, denn über die Pedale kann man ja nun nicht mehr bremsen und darf damit gemäß StVZO §65 nicht am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen.

Die StVZO definiert in §65 Absatz 2 eine Bremse wie folgt: „Als ausreichende Bremse gilt jede am Fahrzeug fest angebrachte Einrichtung, welche die Geschwindigkeit des Fahrzeugs zu vermindern und das Fahrzeug festzustellen vermag.“

Letzter Aspekt wird von den meisten Bremsen nicht erfüllt, nur wenige Lastenräder und Liegerad Trikes besitzen eine Parkbremse, gewöhnlich Fahrräder haben diese nicht. Dennoch, diese Räder sind gewöhnlich für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen. Als Bremse definiert die StVZO eine Einrichtung, mittels derer das Fahrrad verzögert werden kann, was über die Kurbel/Pedale bei starrem Antrieb durchaus und gut möglich ist. Selbstverständlich leistet eine moderne Bremse mehr, doch beispielsweise mit der Stempelbremse möchte ich den starren Antrieb durchaus vergleichen. Manche Gerichte sind anderer Meinung, doch einige akzeptieren es, wenn zusätzlich eine weitere Bremse vorhanden ist und auf diese würde ich nie verzichten, diese Reserve muss sein.

Ich bin kein Hardcore Fixie Fan und wäre mit dem Fixie als einziges Rad sicher nicht zufrieden, aber als Ergänzung zum sonstigen Fuhrpark ist es eine echte Bereicherung.

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